Scandi Style
Scandi Style begleitet mich schon seit Jahren, eher im Hintergrund, als leises Interesse, das nie ganz verschwunden ist. Vor Kurzem habe ich mir endlich Zeit genommen, mich intensiv damit zu beschäftigen — und bin dabei bei drei Marken gelandet, die für mich genau dieses Gefühl treffen: Arket, COS und & Other Stories. Und je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto klarer wurde mir: Dahinter steckt weit mehr als ein Einrichtungs- oder Kleidungstrend. Es ist ein Lebensgefühl.
Lagom und Hygge — zwei Worte, die alles erklären
In Schweden gibt es das Wort „Lagom“. Es lässt sich kaum übersetzen, bedeutet aber ungefähr: nicht zu wenig, nicht zu viel — genau richtig. Lagom zeigt sich nicht nur in hellen Wohnräumen mit klaren Linien, sondern auch im Kleiderschrank: lieber wenige, dafür hochwertige Stücke als ein Schrank voller Fast Fashion, die nach einer Saison wieder aussortiert wird.
In Dänemark heißt das ähnliche Gefühl „Hygge“ — die kleinen Momente im Alltag bewusst genießen, ohne Trubel, ohne Perfektionsdruck. Übertragen auf Mode bedeutet das: Kleidung, in der man sich zu Hause fühlt. Kein Kostüm, das man abends erleichtert auszieht, sondern ein zweites Zuhause auf der Haut.
Die Capsule Wardrobe — Lagom für den Kleiderschrank
Genau diese Haltung steckt auch hinter einem Begriff, der mich seit einiger Zeit begleitet: die Capsule Wardrobe. Erfunden hat sie die Londoner Boutique-Besitzerin Susie Faux bereits in den 1970er-Jahren — eine kleine, handverlesene Auswahl an zeitlosen Basics, die sich beliebig kombinieren lässt und mit wenigen saisonalen Teilen ergänzt wird. Statt eines überfüllten Schranks also eine überschaubare Zahl an Stücken, die wirklich zueinander passen und lange getragen werden.
Dabei geht es nicht um eine bestimmte Anzahl an Teilen, keine dreißig oder fünfzig Stück als Zielmarke. Es geht um die Qualität der Auswahl: Passt das Stück zu mehreren anderen im Schrank? Wird es tatsächlich regelmäßig getragen? Fühlt es sich gut an? Diese drei Fragen sagen mehr aus als jede Zahl.
Für mich ist das keine strenge Diät für den Kleiderschrank, sondern gelebtes Lagom: eine bewusste Auswahl statt ständigem Nachkaufen. Und genau hier treffen sich für mich Scandi Style und Capsule Wardrobe — beide erzählen dieselbe Geschichte, nur mit anderen Worten.
Kleiner Selbstversuch, wenn du magst: Öffne deinen Kleiderschrank und nimm dir fünf Minuten. Was hast du im letzten Monat wirklich getragen? Was hängt seit Wochen unberührt? Das ist dein ehrlicher Ausgangspunkt.
Wie sich das im Design zeigt
Skandinavisches Design lebt von wenigen, aber durchdachten Elementen. Die Basis bilden Weiß, Schwarz, Grau und Marine, dazu warme Erdtöne wie Beige und Camel. Muster gibt es kaum — am ehesten noch ein schwarz-weiß gestreiftes Oberteil, das sich mühelos in jede Kombination einfügt. Bei den Materialien zählen Wolle, Leinen, Baumwolle und Leder — hochwertige, natürliche Stoffe, die man gerne anfasst. Die Schnitte sind oft oversized, ohne dabei sackartig zu wirken — bequem, aber trotzdem durchdacht geschnitten.
Was mir dabei besonders gefällt: Dieser reduzierte Look ist selten das eigentliche Ziel, sondern eher das Ergebnis. Wenn jedes Designdetail einen Zweck erfüllen soll, bleibt am Ende einfach das Wesentliche übrig — Minimalismus nicht als Stilentscheidung, sondern als Konsequenz aus Sorgfalt. Der Grundschnitt bleibt simpel, aber oft wird ein einzelnes Detail bewusst betont — ein besonders weites Hosenbein, ein hoher Kragen, enge Ärmel. Genau dieses eine Detail gibt dem Stück Charakter, ohne dass es dadurch weniger tragbar wird.
Auch der Alltag selbst spielt eine Rolle. Skandinavische Mode soll funktionieren, ohne dass man sich zwischen Job, Terminen und Abendplänen ständig umziehen muss. Statt eines kompletten Outfitwechsels reicht oft ein einzelnes Teil, das den Look verändert — der Pullover weicht dem Blazer, die Sneaker den eleganteren Schuhen. Nichts ist einfach nur schön, sondern auch gemacht, um zu bleiben — nicht für eine Saison, sondern für Jahre. Manches Stück wird irgendwann sogar weitergegeben, statt im Altkleidercontainer zu landen. Das ist für mich der eigentliche Unterschied zu Fast Fashion: nicht Verzicht, sondern eine bewusste Entscheidung für Dinge, die es wert sind, behalten zu werden.
Was am Ende dabei herauskommt: ein Kleiderschrank, in dem fast alles zueinander passt. Genau das macht für mich den eigentlichen Reiz aus — man muss morgens nicht mehr lange überlegen, sondern kann einfach greifen.
Drei Marken, eine Haltung — mit eigenem Akzent
Genau dieses Gefühl von Sorgfalt und Langlebigkeit finde ich bei drei Marken wieder: Arket, COS und & Other Stories. Jede setzt eigene Schwerpunkte, aber die Grundhaltung bleibt dieselbe.
Arket — das moderne Warenhaus aus Stockholm
Arket beschreibt sich selbst als einen modernen Marktplatz — ein Ort für Kleidung, Wohnaccessoires und ein kleines nordisches Café unter einem Dach. Ihre Designphilosophie ruht auf drei Säulen: Langlebigkeit, Funktionalität, Zweck. Die Stücke sollen kurzlebige Trends überdauern, über Jahre getragen und irgendwann weitergegeben werden — nicht im Altkleidercontainer landen. Naturmaterialien wie Bio-Baumwolle, Leinen oder recycelte Wolle bilden das Rückgrat der Kollektionen. Für mich ist Arket die Marke, bei der dieses Lagom-Gefühl am greifbarsten wird — bewusst ausgewählt, gemacht, um zu bleiben.
Die Kollektion von Arket findest du hier.
COS — reduziert bis ins Detail
COS steht für „Collection of Style“ und wollte ursprünglich gar keine Minimalismus-Marke sein. Die Reduktion hat sich mit der Zeit einfach als das Wesentliche herauskristallisiert, weil jedes Designdetail einen Zweck erfüllen sollte. Architektonische Schnitte, klare Silhouetten, eine bewusst zurückhaltende Farbpalette — hier zählt jedes Detail, ohne dass es aufdringlich wirkt. Mittlerweile bietet COS sogar Reparatur- und Wiederverkaufsprogramme für gebrauchte Stücke an, damit die Kleidung noch länger im Kreislauf bleibt. Für mich ist COS die Marke für Basics, die eben keine gewöhnlichen Basics sind, sondern durchdacht bis in die Naht.
Die Kollektion von COS findest du hier.
& Other Stories — die verspielte Schwester
& Other Stories entsteht in drei Ateliers gleichzeitig — Stockholm, Paris und Los Angeles. Aus Stockholm kommt die minimalistische, fast maskuline Linie, aus Paris eine verspielte, feminine Note. Kein Stück soll dabei „richtig“ oder „falsch“ sein — jede Frau soll etwas finden, das zu ihr passt. Genau das mag ich an dieser Marke: Skandinavische Klarheit trifft auf eine Prise mehr Charakter. Für mich ist das die Marke, wenn der reine Minimalismus mal etwas Persönlichkeit vertragen darf.
Die Kollektion von & Other Stories findest du hier.
Scandi Style, auch mit kleinem Budget
So schön diese drei Marken sind — sie liegen preislich nicht für jeden drin, jedenfalls nicht immer. Und genau da kenne ich dieses Hin- und Hergerissensein: Am liebsten würde man bei Arket, COS oder & Other Stories bestellen, aber das Geld reicht gerade nicht. Kauft man stattdessen bei H&M oder anderen günstigeren Marken, schleicht sich oft ein schlechtes Gewissen wegen Fast Fashion ein. Verzichtet man ganz, fühlt sich das aber auch nicht gut an — man mag den Stil schließlich wirklich.
Genau dieses Gefühl, sich entscheiden zu müssen, möchte ich dir nehmen.
Du musst dich nämlich gar nicht festlegen. Vielleicht bestellst du diesen Monat bei H&M, weil es gerade passt, und das nächste Mal bei COS, weil das Budget es zulässt. Beides schließt sich nicht aus, und keines davon ist die „richtige“ oder „falsche“ Entscheidung. Übrigens: Arket, COS und & Other Stories gehören alle zur H&M Group — der vermeintliche Gegensatz zwischen „günstig“ und „hochwertig“ ist also näher beieinander, als er sich anfühlt. Fast Fashion bringt trotzdem berechtigte Kritikpunkte mit sich, die ich nicht kleinreden will. Wenn das Budget gerade begrenzt ist, ist der Griff zu günstigeren Marken aber kein Fehler, den man sich vorwerfen muss.
Denn Nachhaltigkeit bedeutet für mich mehr als nur die Frage, wo und wie ein Kleidungsstück hergestellt wurde. Es geht auch darum, was danach passiert: Trägst du es wirklich? Pflegst du es gut? Behältst du es lange? Das nachhaltigste Teil bringt nichts, wenn es ungetragen im Schrank hängt oder du dich nie traust, es überhaupt zu tragen.
Kauf deshalb, was gerade zu deinem Leben und deinem Budget passt — mal bei der einen, mal bei der anderen Marke. Diese Haltung ist genauso viel wert wie das teuerste Label. Sowohl als auch, eben.
Wie sich das anfühlt
Bei allem, was ich einkaufe, achte ich darauf, dass so wenig Synthetik wie möglich verarbeitet ist — bei Sport-, Outdoor- oder Yoga-Sachen finde ich einen kleinen Anteil davon aber völlig in Ordnung, weil er dort oft genau die Funktion bringt, die es braucht. Genauso wichtig ist mir, dass ein Stück pflegeleicht bleibt.
Am Ende zählt für mich aber vor allem eins: Wie fühlt sich das Kleidungsstück auf der Haut an? Und wie fühle ich mich damit?
Jahrelang habe ich versucht, alles „richtig“ zu machen — Naturmode, biozertifiziert, nachhaltig, fair, am besten mit jedem passenden Siegel. Und bin dabei immer wieder an Grenzen gestoßen: Entweder war es zu teuer, oder der Stil hat mir einfach nicht gefallen. Manchmal habe ich frustriert aufgegeben und mir stattdessen irgendetwas anderes gekauft — womit ich am Ende genauso wenig zufrieden war.
Heute schaue ich zuerst: Wie fühlt es sich an, wie sieht es aus, wie geht es mir damit — unabhängig von allen Kriterien und Siegeln. Und dann erst schaue ich in den Geldbeutel. Denn ein schlechtes Gewissen möchte ich beim Einkaufen nie haben — weder wegen der Materialien noch wegen des Preises.
Mein Fazit
Scandi Style ist für mich am Ende kein Kleidungsstil, den man einfach nachkauft, und schon gar keine Liste von Kriterien, die man abhaken muss. Es ist eine Haltung: bewusst einkaufen, ohne sich dabei schlecht zu fühlen — egal ob wegen des Preises oder wegen fehlender Siegel. Lagom im Kleiderschrank, Hygge im Tragegefühl, und die einfache Frage: Wie fühle ich mich damit? Wenn du dir diese Frage beim nächsten Einkauf stellst, statt dich an vermeintlich perfekten Regeln zu messen, hast du für mich schon alles richtig gemacht.